Rosmarie Metzenthin
Niemand hat eine lebendigere Fantasie als die kleine Rosmarie. Sie erfindet Geschichten, inszeniert diese mit ihren Geschwistern, Nachbarskindern und ihrem Freundeskreis und realisiert unzählige Märchenspiele und Theateraufführungen, später auch in Schul- und Jugendgruppen. Kaum erwachsen, verwirklicht sie ihren lang gehegten Berufstraum: Kindertheater zu machen. Sie lässt sich zur Rhythmiklehrerin am Konservatorium Zürich ausbilden und gleich darauf in München und Salzburg als Regieassistentin weiterbilden. So eignet sie sich das Handwerk für ihre künftige grosse Karriere an.
Mit 24 Jahren eröffnet Rosmarie Metzenthin 1951 in Zürich ihr eigenes Kindertheater und die Bewegungsschule. Mit Tatendrang, Engagement und Können prägt sie als Pionierin das Theater- und musische Bewegungsspiel für Kinder. Noch im selben Jahr bringt sie mit 25 Kindern ihr erstes, selbst verfasstes Märchenspiel auf die Bühne. 50 weitere sollten aus ihrer Feder bis 1999 folgen, die Wochenende für Wochenende in der Wintersaison die Säle im Kaufleuten, Neumarkt, Waldhaus Dolder und seit 1972 der Aula Ramibühl füllen.

Zwei Jahre später, 1953, gründet Rosmarie Metzenthin den ersten Kinderzirkus der Schweiz mit dem Namen «Ullalla-Bassissi«, der im Sommer vom Musikpavillon beim Zürcher Bürkliplatz aus Zuschauende in Scharen lockt und Spenden für das Kinderdorf Pestalozzi sammelt. 1954 folgt das erste weihnächtliche «Krippenspiel» im Zürcher Grossmünster und 1957 ihre erste Theateraufführung mit Jugendlichen sowie das Jugend-Cabaret «Chlüpplisack». Und als Frühjahrshöhepunkt etabliert sich das kreative Treiben des theaterinternen Kostümfestes.
Rasch vergrössert sich die Institution und führt auch Kurse in Akrobatik, Volkstanz und Ballett ein. Über die Jahre und Jahrzehnte bietet die «Kindertheater Bewegungsschule Rosmarie Metzenthin» Tausenden von jungen Menschen eine inspirierende und prägende Kinder- und Jugendzeit, in welcher sie sich in einer reichen Welt von Spiel und Tanz entfalten können.
Ab den 1980er-Jahren fördert Rosmarie Metzenthin einen regen internationalen Austausch mit verschiedenen Kinder- und Jugendtheatergruppen sowie Veranstaltern von Theater- und Zirkusfestivals. Dies führt sie und ihre Kursteilnehmenden in die weite Welt: nach Deutschland, Österreich, Dänemark, Russland und in die USA.

Zur Nachwuchsförderung gründet die Pionierin schon 1978 das «Musisch-Pädagogische Seminar Metzenthin», eine dreijährige Berufsausbildung mit Diplomabschluss für Erwachsene. Im Buch «Schöpferisches Spielen und Bewegen» beschreibt sie 1988 ihre Arbeitsweise, Ideen und Erfahrungen. 1992 wird das Seminar um eine einjährige, berufsbegleitende Weiterbildung ergänzt und 2002 ganz ins heutige Format mit internationalen Dozierenden und zahlreichen Zusatzangeboten überführt. Da viele Kursleitende, die heute am Metz unterrichten, an ihrem eigenen Seminar ausgebildet worden sind — teilweise noch von Rosmarie selbst —, lebt ihre Philosophie bis heute weiter.
Für ihre umfassende Tätigkeit erhält Rosmarie Metzenthin 1976 den Kulturpreis des Kantons Zürich. 1997 verleiht ihr die Stadt Zürich zum siebzigsten Geburtstag die Hans-Georg-Nägeli-Medaille für ihre Verdienste im musikalischen und theaterpädagogischen Schaffen.
Im 50. Jubiläumsjahr 2001/2002 zieht sich Rosmarie Metzenthin im Alter von 75 Jahren aus dem aktiven Geschehen ihrer Theater- und Ausbildungsstätte zurück. Die Leitung des Kinder- und Jugendtheaters hat sie bereits 1999/2000 ihren Nachfolgerinnen übergeben, die Leitung des Weiterbildungsseminars zwei Jahre später.
Rosmarie Metzenthin bleibt auch nach der Übergabe ihres Hauses voller Ideen und Tatendrang. Sie publiziert und schreibt unter anderem ein Buch über ihre Kindheit und Jugend in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges, das eine internationale Verlegerschaft findet.
Am 22. Mai 2014 verstirbt die Grande Dame des Kinder- und Jugendtheaters im Alter von 86 Jahren im Kreise ihrer Familie.
