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Tausende von Kindern bewegt

(Tages-Anzeiger, 06.07.2002)
Seit 50 Jahren gibt es das Kinder- und Jugendtheater Metzenthin - die Gründerin Rosmarie Metzenthin wird am nächsten Montag 75.
 
Die Sonne steht auf einem Schemel. Um den hellblonden Jungen herum, dessen ernstes Gesicht von einem goldenen Strahlenkranz umrahmt ist, hüpfen zehn Kinder. Am Klavier spielt und singt die Rhythmiklehrerin Franziska Lüscher. Jeder der drei- bis vierjährigen Sonnenstrahlen bewegt sich anders. Einer rennt übermütig durch den Saal, ein anderer vergnügt sich damit, bei jeder Runde auf die Matratzen zu springen, die an der Wand liegen. Drei Strahlen laufen im gemächlichen Schritt ganz nah an der Sonne. "D Sune rüeft, s isch Ziit", sagt die Frau am Klavier, worauf es sofort Nacht wird, jede Bewegung ein Ende hat und alle tief schlafen.
 
Der heutige Prinz trägt eine Kopie
Als Kind empfand man den Saal als riesig, mit erwachsenen Augen wirkt die ehemalige Klavierfabrik, aus der vorübergehend ein Teppichgeschäft wurde, gerade gross genug. "Ich bin hier jetzt ein Fremdkörper", sagt Rosmarie Metzenthin, als die Fotografin im Saal ein Bild von ihr machen will. Sie meint damit, dass sie die kleinen Kinder nicht mehr kennt - und umgekehrt. Die Entfremdung entstand vor drei Jahren, als sie die Leitung der Schule an ihre beiden Nichten Sybill Metzenthin und Corinne Roos übergab. Doch dann tritt die ältere Dame mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin in den laufenden Unterricht, sodass auch den Sonnenstrahlen sofort klar ist: Die gehört irgendwie dazu.
 
Vor 50 Jahren, ein Jahr nach Gründung des Kindertheaters, mietete sich Rosmarie Metzenthin an der Freiestrasse 58 ein. Seither wird mit allen Sinnen gespielt und geprobt, denn am Ende aller Improvisation steht eine öffentliche Aufführung in der Weihnachtszeit. Da gab es die grossen Märchenspiele wie Dornröschen (1961, 1967, 1973, 1986, 1997), kleinere wie Frau Holle (1977, 1986), Jugendtheater wie die Dialektfassung des "Jedermann" (1986), Tanzspiele oder Musicals. Bekannt ist auch der Kinderzirkus Metzenthin, früher "Ullalla-Bassissi" genannt, der von 1956 bis 1986 jedes Jahr im Pavillon auf dem Bürkliplatz zu sehen war. Das Hauptanliegen metzenthinscher Arbeit war aber stets, die Fantasie und Spielfreude der Kinder und Jugendlichen zu wecken und sie dazu anzuregen, eigene Ideen zur Musik, im Theaterspiel und in der Bewegung umzusetzen.
 
Im Hinterhof steht das Haus, in dem Rosmarie Metzenthin das Rhythmik-Seminar am Konservatorium Zürich besucht hat. Durch den wildwüchsigen Garten, in dem Klaviermusik zu hören ist, tritt man ein in eines der metzenthinschen Arsenale, in einen Fundus aus Requisiten, Tiermasken und wunderbarsten Kostümen aus aller Herren Länder und den verschiedensten Zeiten. In Bananenschachteln liegen kleine Filzröcke, Sturm, Wind, Schnee, Eis neben Japanern, Tirolern und Mexikanern. Eine Freundin fertigte die Löwen- und Drachenköpfe aus Draht und Papiermaché an. "Das war das Pferdchen meiner damals dreijährigen Tochter", erinnert sich die rüstige Theaterfrau, die auch diesen Sommer jeden Tag im See schwimmt. Wenn sie sagt, sie kenne jedes Kleid, ist das nicht übertrieben. "Sehen Sie, das ist bereits die Kopie des Prinz-Originals." Und da hängen noch die Russenkleider, die zu den ältesten gehörten, also mindestens 40 Jahre alt sein müssten, und, natürlich, unverkennbar das Schneewittchen. Man sei bei den Kostümen immer grosszügig gewesen, "nicht übertrieben natürlich, aber es war jedes Mal ein Lupf". Sämtliche Kleider wurden von den Müttern genäht, die offensichtlich nähkundig waren und Zeit hatten.
 
Ohne Subventionen
Noch bevor Rosmarie Metzenthin eine Frage zu ihrem Wirken gestellt wird, sagt sie: "Ich sage im Grunde immer dasselbe: Ich habe meinen Traum verwirklicht und diese Schule gegründet." Öffentliche Subventionen hat sie nie erhalten, dafür aber blieb sie unabhängig und frei für Experimente. Anerkennung blieb allerdings nicht aus. 1976 erhielt sie den Kulturpreis des Kantons Zürich, 1997 wurde sie mit der Georg-Nägeli-Medaille der Stadt Zürich ausgezeichnet. Entscheidend aber ist, dass ihre zur Institution gewordene Schule, von denen, die sie besucht haben, unvergessen bleibt. Auch die hellblonde Sonne wird dies einst bestätigen können.
 
Morgen Sonntag gibt es am Jubiläumsfest zu den 50 Jahren Kinder- und Jugendtheater gleich noch einen weiteren Grund zum Feiern, da die Rhythmik- und Theater-Pionierin den 75. Geburtstag feiert. Aber erst um Mitternacht.
 
Mit freundlicher Genehmigung: Tages-Anzeiger, 06.07.2002, Seite 13 (Autorin: Daniela Kuhn).

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