Kinder- und Jugendtheater Metzenthin: Musik und Bewegung gehören zusammen
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Musik und Bewegung gehören zusammen

(Tages-Anzeiger, 5.9.1997)
Ein Griff in die Tasten, und Kinder werden Kobolde oder Hofnarren. Nun erhält die Theater- und Musikpädagogin Rosmarie Metzenthin die Hans-Georg-Nägeli-Medaille.
 
Dass sie manchmal einseitig als "die Frau mit dem Kindertheater" angeschaut wird, dagegen wehrt sie sich vehement. Denn ihr ist nicht der Auftritt das Wichtigste, die fertig ausgestaltete Vorstellung: "Entscheidend ist das, was im intimen Rahmen der Gruppe geschieht." Dort wird vor allem improvisiert: mit oder ohne Worte, mit einfachen Requisiten und oft mit Musik. Vor allem aber mit einer unbändigen Spiellust, die Rosmarie Metzenthin mit ihrer wirbligen Art immer neu aufflackern lässt.
 
Fototermin
Es genügt beispielsweise als Anlass für ein Spiel, dass ein Foto für die Zeitung gemacht werden soll. Kobolde möchten die Kinder sein auf dem Bild oder Hofnarren, Rosmarie Metzenthin markiert mit kräftigen Akkorden Positions- und Grimassenwechsel.
 
"Noch ein bisschen näher zusammen?" Auch das wird gleich ins Spiel eingebaut: "Macht doch auch etwas miteinander, schaut nicht nur den Fotografen an - ja, genau so." Und als genug geknipst ist, wirbeln sie in den Raum hinaus: Die Hofnarren sind losgelassen, bis sie von Rosmarie Metzenthin mit wenigen Tönen wieder eingefangen und in eine andere Geschichte begleitet werden.
 
Immer wieder neu
Wie die Geschichten entstehen, das ist für sie auch nach all den Jahren immer noch spannend: "Jedes Kind, jede Gruppe ist für mich wieder ganz neu." Die unterschiedlichsten Kinder kommen zu ihr an die Freiestrasse, schüchterne und hochbegabte, behinderte, extravertierte und unauffällige, mittlerweile auch Kinder, deren Eltern selbst schon bei ihr waren. Dreijährig sind die Kleinsten, manche bleiben bis zwanzig, einige lassen sich dann gleich an ihrem musisch-pädagogischen Seminar ausbilden.
Die Freude an dieser Art von Theater hält oft lange an, bei Rosmarie Metzenthin schon ein Leben lang: "Ich habe schon als Kind gewusst, dass ich einmal so etwas machen will." Die Spiele mit Geschwistern und Nachbarskindern haben sie auf jene Ideen gebracht, die sie dann nach der Ausbildung am Rhythmikseminar des Zürcher Konservatoriums und nach Theatervolontariaten in München und Salzburg verwirklicht hat. 1950 hat sie ihre Schule eröffnet, "damals war ich in diesem Bereich noch allein auf weiter Flur".
 
Kritisch zuschauen
Beim "darstellenden Spiel", wie sie es nennt, geht es bei weitem nicht nur ums Vergnügen, ums Sichaustoben - sondern immer auch darum, Ideen aus der Im-
provisation heraus in eine Form zu bringen. Wie das gelingt, das beobachten auch die Kinder ganz genau. Da haben sie etwa gruppenweise eine Geschichte weiterentwickelt von Kindern, die sich im Wald verlaufen haben. Die präsentierten Lösungen sind so unterschiedlich wie phantasievoll. Lebendig ist aber auch die Diskussion danach: Hat das echt gewirkt? Hätte man eine Idee noch besser ausnützen können? Die wegweisenden Glühwürmchen etwa, die dann einfach aus der Geschichte verschwanden: Was hätte mit denen noch geschehen können?
Dass in diesen Geschichten immer wieder Märchenelemente vom Flaschengeist bis zu Zauberbeeren vorkommen, ist kein Zufall: Rosmarie Metzenthin arbeitet oft mit Märchen und ihren Symbolen. "Aus einem Märchen holt jedes Kind das heraus, was im Moment wichtig ist." Das kann auch einen therapeutischen Nebeneffekt haben: In den stilisierten Rollen können die Kinder aus sich herauskommen, einzelne Facetten ihrer Persönlichkeit ausprobieren, neu entdecken.
 
Musikalische Unterstützung
Dass dabei die Musik wichtige Unterstützung bieten kann, davon ist sie überzeugt: "Musik und Bewegung gehören zusammen." Deswegen sitzt sie in den Stunden oft am Klavier oder lässt die Kinder auch selber Instrumente ausprobieren. Die Musik für die alljährlichen Märchenspiele passt sie sorgfältig den Szenen an, die Lieder dazu schreibt selbst.
Wie viel schon ein paar Töne ausmachen können, das haben auch ihre Schülerinnen und Schüler gemerkt. Eine Viertklässlerin bittet Rosmarie Metzenthin zur Untermalung ihrer Geschichte jedenfalls "um ein wenig unheimliche Musik". Dass ihr die Stadt Zürich am nächsten Mittwoch die Hans-Georg-Nägeli-Medaille "für Verdienste um das musikalische Schaffen" verleiht, erstaunt in diesem Sinn nicht.
 
(Susanne Kübler)

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