Kinder- und Jugendtheater Metzenthin: Für einmal ein Stuhl sein
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Für einmal ein Stuhl sein

(Züritipp, 7.12.2001)
Ohne Wintermärchen kein Winter: Dieses Jahr spielen 200 Kinder "Die Schneekönigin". Ein Besuch bei Rosmarie Metzenthin, deren Theater- und Bewegungs- schule 50 Jahre alt wird.
Ein Tisch ist ein Tisch, ein Küchentisch ist ein Küchentisch und ein Theatertisch ist ein Theatertisch. Ein Zürcher Küchentisch allerdings, der schon mal in Moskau auf einer Bühne stand, ist wahrscheinlich doch eher ein Theatertisch. Und an den setzen wir uns nun, um 50 Jahre Kinder- und Jugendtheater Metzenthin passieren zu lassen, versuchen das zumindest, aber der Tisch ist stärker, er animiert zum Abschweifen.
Wen wunderts, er geht jeweils auf Gastspielreisen. Früher, vor Jahrzehnten, hat er in Frau Metzenthins Küche gestanden, jetzt machen die Kinder auf ihm den Handstand. Rosmarie Metzenthin (75) weiss viel zu erzählen, unbeschwert hüpft sie von da nach dort. Keine Spur von abgeklärter alter Dame, die erinnerungsseelig in die Vergangenheit blickt. Und eine Märlitante ist sie erst recht nicht, da kann sie noch so viele Märchen für die Bühne geschrieben und inszeniert haben. Wach, lebendig und resolut ist Rosmarie Metzenthin, sie lebt ganz selbstverständlich in der Jetztzeit.
 
Kinderträume werden wahr
Und doch ist ihr die eigene Kinderzeit präsent, da hat begonnen, was später leuchten sollte. Mit Geschwistern und Nachbarskindern habe sie im Garten und im grossen Keller erfundene, spannende Geschichten inszeniert. Schon damals ist es ihr nicht darum gegangen, selber zu spielen, sie wollte Regie führen. Und nicht mit erwachsenen Schauspielern wollte sie arbeiten, sondern mit Kindern. "Nach einer dreijährigen Ausbildung zur Rhythmiklehrerin am Konservatorium Zürich und einer anschliessenden Regieassistenz mit gleichzeitigem Besuch der Schauspielschulen in München und Salzburg gründete ich 1951 frisch-fröhlich und ohne finanzielle Skrupel ein Kindertheater." Voilà - ein Kindertraum wird wahr, wird handfeste, gut gebaute Wirklichkeit.
 
Der Tisch wird weitergereicht
Und um auf den Tisch zurückzukommen: "Er ist wirklich sehr stark", sagt Sibyll Metzenthin anerkennend, und rüttelt ein wenig am Möbel. Sie ist die Nichte von Madame, seit zwei Jahren führt sie zusammen mit Corinne Roos, auch sie eine Nichte, die ehrenwerte Institution in eigener Regie weiter. Auf den Tisch würde sie nie verzichten, alt, stabil und zuverlässig wie er ist. Und die Tante ist zum Glück auch noch da, die Übergabe der Schulleitung geht sanft vonstatten, so dass kein Knowhow verloren geht.
Vergangenheit und Gegenwart sind dicht beieinander in diesem Raum an der Freiestrasse beim Hottingerplatz. Vor 50 Jahren hat sich Rosmarie Metzenthin hier eingemietet, seit 50 Jahren tanzen, turnen und schauspielern hier Kinder aller Altersstufen. Der Fotograf trifft ein, erzählt, seine Tochter habe hier den Unterricht besucht und sein Schwiegervater ebenfalls. So ist das eben: Generationen haben hier eine Welt entdeckt, die ein Geheimnis, einen Zauber birgt.
 
Beglückende Verwandlungen
Das Wort Theaterpädagogik habe es damals noch gar nicht gegeben, erzählt Rosmarie Metzenthin, und vielleicht geht es darum auch gar nicht. Einem ihrer Bücher ("Schöpferisch Spielen und Bewegen") hat sie ein Zitat von Schiller vorangestellt: "Der Mensch ist immer dort ganz Mensch, wo er spielt." Noch heute ist Metzenthin empört über den Vorwurf, den man ihr einmal gemacht hat, sie drille die Kinder fürs Theater. Es habe sie wirklich sehr geärgert, derart missverstanden zu werden. "Mir geht es darum, die Freizeit der Kinder beglückend zu bereichern, und zwar ohne Leistungsdruck. Die Bewegung weckt die Freude am Körper, das Theaterspielen stärkt das Selbstvertrauen, und die Musik fördert die Sensibilität."
Im Anschluss ans Gespräch haben wir Gelegenheit, die jüngsten Kinder (4-5 Jahre) beim so genannten darstellenden Spiel zu beobachten. Die Musische Pädagogin Franziska Lüscher, von Rosmarie Metzenthin an ihrem Seminar ausgebildet, sitzt am Klavier und spielt ein paar Takte, die Kleinen hüpfen zur Musik. Plötzlich hört die Musik auf, die Lehrerin verwandelt sich in die Kleine Hexe und verzaubert die Kinder in kleine Stühle und zack! - stehen zehn kleine Stühle im Raum. Keines der Kinder zweifelt daran, ein Stuhl zu sein. Und die anwesenden Erwachsenen wünschen sich wohl, auch mal allen Ernstes ein Stuhl zu sein. Oder so. Es wäre in der Tat beglückend.


Mit freundlicher Genehmigung: Züritipp vom 07.12.2001 (Autorin: Kati Dietlicher).

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