Kinder- und Jugendtheater Metzenthin: Die Grande Dame des Kindertheaters
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Die Grande Dame des Kindertheaters

(Tages-Anzeiger, 14. Dezember 2006)

Drei Generationen lang hat Rosmarie Metzenthin mit ihrem Feuer für Musik und Spiele junge Menschen für die Bühne des Lebens entflammt.
Von Erwin Haas

Meilen. - Sie ist die ungeschlagene Schweizer Meisterin des Kindertheaters und mittlerweile 80 Jahre alt, aber noch so beseelt und temperamentvoll, dass es für zwei 40-Jährige reicht.

Natürlich: das Alter. Der Zahn der Zeit ist nicht spurlos an ihr vorüber gegangen und entlockt ihr flüchtiges Bedauern, weil auf der Foto Falten zu erkennen sind. So spritzig wie damals, als sie, knapp 24-jährig, in Zürich ihr Kindertheater und eine Bewegungsschule gründete, ist Rosmarie Metzenthin nicht mehr. Sie hat Gelenkoperationen hinter sich, und als sie, ein Nachtmensch, kürzlich um Mitternacht nach einer Fernsehsendung gedankenverloren die Orchideen goss und das Wasser überfloss, wich sie erschrocken zurück und strauchelte unglücklich über den Glastisch. Doch wer ihr in ihrem Haus in Meilen auf dem Louis-Philippe-Sessel gegenüber sitzt und sie erinnern und erzählen und gestikulieren und manchmal die Augen verdrehen sieht, denkt schlicht: So «zwäg» möchte ich mit 80 auch einmal sein.

Die Talentschmiedechefin
Was hat diese Grande Dame des Zürcher Kindertheaters nicht schon an Lampenfieber, Begeisterung, an Spiel- und Daseinsfreude ausgelöst. Sie brachte 6-jährige Mauerblümchen als tanzende Mittsommernachts-Feen in einer Hochwacht-Lichtung auf dem Pfannenstiel zum Blühen. Sie machte verstockte Buben zu bewunderten Helden oder zu Clowns, die im Publikum der legendären Premieren im Rämibühl und im Kinderzirkus am Bürkliplatz strahlende Kindergesichter und Stürme der Heiterkeit auslösten. Sie hat Talente gefördert, die später zu Lokal-, ja zu Weltruhm aufliefen: etwa die Schauspieler Peter Bollag und Mona Fueter Petri, die Fernsehmoderatorin Patricia Boser, die Sängerin Sue Mathis, Mummenschanz-Gründer Andres Bossard, die Eiskunstläuferin Denise Biellmann - und den Schweizer Bestsellerautor Charles Lewinsky.

2002 erschien das «Metz»-Jubiläumsbuch: 75 Jahre Rosmarie Metzenthin, 50 Jahre Kindertheater und Bewegungsschule, 25 Jahre musisch-pädagogisches Seminar. In diesem Buch lüftete Lewinsky «Rosmaries Geheimnis». Seine allerersten und «scheusslichen» Verse für das Metzenthin-Kostümfest lobte sie damals als «wunderschönes Gedicht». Seinen ersten satirischen Text - «mein Gott, war er doof» - nannte sie «intelligent». Sein erstes Theaterstück - «voller Pubertätspickel» - fand sie toll.

Fördern und fordern
Nicht dass sie willfährig, nur um des Förderns willen und ohne Qualitätsanspruch gefördert hätte. Sie war auch streng und hat unerbittlich gefordert: «Diese böse Königin kannst du doch jetzt noch etwas fieser spielen.» Manchmal forderte die Lehrerin so deutlich, dass die Kinder den Bettel gern hingeschmissen hätten - bis die Proben vorüber, die Aufführung in Gang, die Früchte des Leidens offensichtlich und spürbar waren. Rosmarie Metzenthin und ihrem Team war es gegeben, das Beste aus ihren Darstellerinnen herauszuholen. Die wussten es dem Team, in dem die Zumikerin Claire-Lise Becker für zahllose Masken und Bühnenbilder und der Designer und Näher Heinz Berner für geniale Kostüme verantwortlich waren, mit einer unvergleichlichen Treue zu danken. Die Meilemerin Sonja Helfer Kordik etwa besuchte die Metzenthin-Schule vom 4. bis zum 20. Lebensjahr. Jetzt besuchen ihre eigenen Kinder die Schule, die heute zwei Metzenthin-Nichten führen.

Von Zürich aufs Land
Der schöpferische Funken, der Rosmarie Metzenthin durch ihr bewegtes Leben und in die Avantgarde, dann in die Haute Volée des Kindertheaters trieb, zündete früh. Sie war als Tochter einer Schweizerin und eines Elsässer Escher-Wyss-Direktors, der gern Cellist geworden wäre, abwechselnd in Lindau am Bodensee und in Zollikon aufgewachsen. Behütete Kindheit, musischer Haushalt, Singen, Klavier, Bratsche, Orgel, Flöten, Harmonika. Sie begann mit Bäbi und Papierpuppen zu sprechen, inszenierte mit Nachbarsmädchen und Schwestern im Trockenraum des Kellers Dialoge, leitete schon mit 14 Jahren einen Kinderchor, mit dem sie Lieder, Märchen und Singspiele aufführte. Wie sie letzten Sommer in ihrem autobiografischen Buch «Wir standen unter den Pappeln» (damals, als der Krieg ausbrach) freimütig gestand, war sie Spielscharführerin im Bund deutscher Mädchen, überlebte diese Zeit aber unbeschadet und ohne dafür erröten zu müssen.

1949 schloss sie bei Mimi Scheiblauer in Zürich ihre Rhythmik-Ausbildung ab, wusste aber bereits, dass sie eigene Wege gehen wollte. Die gängigen Methoden waren ihr zu strukturiert, zu wenig lustbetont und spontan: «Ein Kind muss auch mal laut schreien, lachen und sich am Boden wälzen können.» Sie wollte «die selbstverständlichen Spielformen der Kindheit auch für ältere Kinder erhalten» und schuf einen Stil, der in selber geschriebenen Märchen und Theaterstücken zur Metzenthin-Marke wurde.

1952 heiratete sie den Musiker Hans Andreae und zog später - zum Bedauern des Sohnes, der das urbane Zürcher Leben bevorzugte - «aufs Land» nach Meilen. Am Dorfleben hat sie sich aber nie aktiv beteiligt. Mit der Arbeit war das musische Paar stets nach Zürich ausgerichtet. Dort erreichte die Schulleiterin viel mehr Familien und unterrichtete «einfache, verwöhnte, arme und reiche Kinder - eine Mischung, die ich in Meilen nicht gehabt hätte». Immerhin inszenierte sie gelegentlich im Schulhaus Allmend, im Park der Meilemer Villa Wunderli am See und auf der Hochwacht und erhielt vom damaligen Chef der Mittwoch-Gesellschaft, Christoph Blocher, auch mal eine Defizitgarantie für eine Aufführung.

Soweit integriert ist Rosmarie Metzenthin dann doch, dass ihr am Meilemer Weihnachtsmarkt eine Standfrau ungefragt einen goldenen Adventskranz schenkte - «einfach weil ich ihr sympathisch war». Noch fährt sie nach Zürich in Theater und an Konzerte. Doch vielleicht zieht sie irgendwann aus ihrem Haus mit Blick auf See und Alpen aus. «Wenn ich nicht mehr Auto fahren kann und schlapp mache, will ich nicht mehr in Meilen wohnen.» Mit ihrer Energie wird dies aber noch nicht heute oder morgen sein. Noch unterrichtet sie an ihrer Theaterpädagogikschule auch selber, und es schweben ihr ein Folgeband zur Autobiografie und humorvolle Kinderbücher über Erlebnisse mit der tierbegeisterten Tochter Bettina Andreae vor, die sich mit ihren Isländer Ponys in den Wäldern am Pfannenstiel herumtrieb und heute in Stäfa selber ein Kindertheater führt.

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